Montag, 3. August 2009

Von Fauske zum Polarkreis und weiter nach Süden

Freitag, 31. Juli
Sehr wortkarg nahmen wir unser Frühstück ein. Da wir keine Vorräte hatten, kauften wir uns mehrere Scheiben Salami, Nugatti (norwegische Form des Nutella), Käse und Butter. Wir wussten nicht was uns an diesem Tag erwarten würde. Die Karte lieferte ein paar erschreckende Daten: E6 (der Actic Highway), 120 Kilometer, ein 700 Meter Pass, mehrere Tunnel, Polarkreis. In der Zwischenzeit können wir zwar schon alle sehr gut kartenlesen, aber manchmal gibt es doch Überraschungen. Um unsere übliche Zeit 13:30 Uhr ging es los. Zuerst wurde in Fauske im REMA 1000 Brot, Reis, Spiralnudeln, Schinken, Käse, Salami, Schokolade, Bananen, Mandarinen eingekauft, die Peter in seinen beiden Vordertaschen unterbrachte. Dann ging es los. Ein paar Hügerl mussten überwunden werden, aber die ersten 30 Kilometer bis nach Rognan waren sehr angenehm. Wir fuhren neben der Bahnlinie zuerst auf dem Radweg, später auf der E6 die Küste entlang. In Rognan führten wir uns wieder Kalorien in Form von Hotdogs und Energydrinks zu. Mein derzeitiger Favorit bei den Energydrinks ist Battery. Es schmeckt ähnlich wie Red Bull, kostet aber davon nur einen Bruchteil. Auf den ersten 30 Kilometern war auf der E6 doch ein bisschen mehr Verkehr. Der Arctic Highway führt nämlich von Oslo über Trondheim nach Narvik und hier werden auch sehr viele Güter transportiert. Das Verkehrsaufkommen zwischen Fauske und Rognan erinnerte mich an eine österreichische Bundesstraße. Überraschenderweise beruhigte sich der Verkehr nach Rognan zusehends und oft kam uns minutenlang kein Auto entgegen oder überholte uns ein Campingbus. Reiseradler hatten wir seit Bodo nicht mehr gesehen. Dies wunderte mich ein bisschen. Manche der Reiseradler, die geringere Distanzen zurücklegen, fliegen bis Bodo oder bis Tromso und fahren dann entweder los oder sie nehmen die Hurtigruten. Schön langsam gehören wir ja zu den Langstreckenfahrern. In den nächsten Tagen machen wir den 2000sten Kilometer. Etwa 30 Kilometer nach Rognan begann schön langsam der Anstieg. Anstiege wechselten sich mit kurzen 100 Meter flachen Stücken ab. Mit ca. 11 km/h fuhr Martin voraus und gab so ein sehr angenehmes Tempo vor. Zwar schwitzen wir wie die Schweine, aber die Anstrengung war erträglich. In einem Nationalparkzentrum machten wir unsere letztere größere Rast dieses Tages. Wir schmausten einen Kuchen, den wir in Fauske besorgt hatten und schlürften heiße Schokolade. Eigentlich war die Strecke halb so wild, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Die Stimmung wurde immer gelöster. Das Wetter zeigte aber in die andere Richtung. Dichte Wolken zogen über unsere Köpfe dahin. Manchmal spürten wir einen starken Windstoß. Dies beunruhigte uns keineswegs. Wer das Nordkapp und die Hochebene von Alta bei Sauwetter bewältigt hat, den störten diese paar Regentropferl bei 9 Grad Plus überhaupt nicht. Wir bemerkten sie erst so richtig, wie ich meine Banane von Peter wollte. Da wir uns nun auf der Hochebene auf 600 – 700 Höhenmetern zwischen schneebedeckten Gipfeln und einem reißenden Gebirgsfluß, der sehr laut aber sehr schön war, befanden, beschlossen wir doch unsere Regenjacken und –Hosen anzuziehen. Peter fühlte sich während der Fahrt pudelwohl, endlich hatte er wieder ein alpines Panorama. Nach all den Enttäuschungen der letzten paar Wochen (keine heiße Schokolade, keinen Orangensaft in Storslett, kein warmes Duschwasser in mehreren Hütten kein Bueno an der Tankstelle in Rognan). Manche Orte und Enttäuschungen hatte er schon längst wieder vergessen. Hier auf der Hochebene war er zuhause. Er schaute nach rechts und nach links, ob er irgendwo einen Elch erblickte. Bei Kilometer 92 fing er an mit der Suche nach dem Polarkreis. Ganz gespannt radelten wir dahin. Es war nun schon etwas dünkler geworden, Martin zog das Tempo an. Auch er wollte endlich das Schild oder die Tafel „Hier ist der Polarkreis“ sehen. Dann, endlich um 23:15 Uhr erreichten wir den Polarkreis. Ein kleines Touristencenter, das leider schon um 22 Uhr sperrte und ca. 30 Campingbusse standen in einer öder Gegend herum. Hier also ist der Polarkreis! Manche Esoteriker würden an diesem öden Ort sicherlich ganz bestimmte Kräfte und Energien, kosmische Strahlen und hochpotentierte Partikel verspühren, wir verspührten nur Hunger und Durst. Wir setzten uns vor das verschlossene Tourismuscenter, nachdem wir noch ein paar Videos und Fotos gemacht hatten, und schmausten eine Banane und eine Mandarine und tranken gutes norwegisches Wasser dazu. Dann ging es hinunter ins Tal. Die E6 folgte einem anderen Fluß und wir fuhren, ohne zu treten hinunter. An einem kleinen versteckten Campingplatz wollten wir uns eine Hütte mieten. Die Rezeption war leider verschlossen. An der Tür der Rezeption stand in Norwegisch und Englisch, dass wir uns einfach einen Schlüssel nehmen sollen. Ein genauer Plan gab auch die Belegungsmöglichkeiten der Hütten bekannt. Aber es hingen keine Schlüssel dort. Ein kleiner Hund kläffte beim nächstgelegenen Haus unaufhörlich. Scheinbar hatte er unseren Schweiß gerochen. Wir näherten uns dem Haus und eine alte Dame machte Licht im ersten Stock. Martin fragte, wo denn die Hütten wären, denn die hatten wir auch noch nicht gesehen, und ob eine frei wäre. Die alte Dame verstand ihn sehr schwer und deutete auf die gegenüberliegende Seite des Hauses. Schemenhaft konnten wir hinter einem Wäldchen versteckt, die Hütten ausmachen. Wir fuhren den Forstweg entlang und da, plötzlich stand ein kleines Hüttchendorf vor uns! Viele Campingwägen und Autos standen vor den Hütten. Vereinzelt waren die Hütten aber verwaist. Peter und ich probierten es bei drei, vier Hütten. Sie waren verschlossen, auch unter der Fußmatte, die ordentlich vor jeder Hütte lag, war kein Schlüssel vorzufinden. So mussten wir wieder unsere Zelte aufstellen. Wir merkten sehr bald, dass es hier ein paar Gelsen gab. Zwar nicht so viele wie in Schweden und der Seenplatte in Finnland, aber doch eine unangenehme Zahl. Nun war natürlich die Frage, wo wir unser kleines Abendbrot einnehmen sollten. Peter schlug das große Zelt vor. Ich war dagegen, denn ich wollte nicht, dass die Burschen zwischen Bröseln schlafen mussten. Wir setzten uns ins Duschhäuschen, das sehr geräumig war. Martin hatte von irgendwo zwei Plastiksesseln aufgetrieben. Wollen wir an dieser Stelle bitte nicht nachfragen, welcher Camper am nächsten Tag seine Sessel gesucht hat! Nach dem kleinen Abendbrot gingen wir schlafen. Die 120 Kilometer waren überhaupt nicht schlimm gewesen. Für Radler mit ein bisserl Kondition ist diese Strecke sehr zu empfehlen!
Samstag, 1. August
Zur üblichen Zeit war Tagwache um 10:30 Uhr. Zum Frühstück setzten wir uns auf eine Holzbank auf dem Kinderspielplatz, denn Kinder waren weit und breit nicht zu sehen. Die meisten Camper, die wir getroffen haben, waren im Pensionsalter oder aus Deutschland. Deutsche Camper sind eine eigene Spezies. Sie sind zumeist über 50, übergewichtig (auf gut österreichisch: blad) und sehr penibel! Man erkennt einen deutschen Campingwagen schon von der Seite. 1. Die modernsten und größten Campingwägen werden von Deutschen gefahren. 2. Sie haben eine Satellitenschüssel an Bord, 3. Der Campingwagen-zeltvorbau ist riesig! Und manchmal mit Blumentöpfen verziert. 4. Sie beobachten das Treiben am Campingplatz ganz genau und kommentieren jede Bewegung. 5. Sie sind gerne unter sich. 6. Sie geben genaue Kilometerangaben, wenn man sie nach dem Weg fragt. 7. Sie regen sich alle über das Preisniveau und die mangelnde Hygiene auf (wobei letzteres nur eine subjektive Wahrnehmung der deutschen Camper ist). Wir hatten noch nie etwas zu beanstanden und fühlten uns auf manchen Campingplätzen wie im Paradies (Z.B. 4 Herdplatten, 1 Waschmaschine, 1 Trockner). 8. Wir haben gelernt, jene Campingplätze anzufahren,(a) wo viele Deutsche stehen (da herrscht wirklich absoluter Luxus) oder (b) gar keine (da ist es meistens cool, freundlich und man kommt mit interessanten Leuten ins Gespräch (Franzosen sind echt witzig!).
Die Putzfrau des Campingplatzes war auch zur gleichen Zeit die Rezepionistin. Sie war eine sehr gesprächige Dame mit zwei Fahrrädern. Das „Firmenfahrrad“ hatte einen Lenkerkorb, in dem sie ihren Pudel spazieren führt, dieses benutzt sie auch um ins nahe Kaffehaus zu fahren. Ihr neues Fahrrad wird zum Transport der Putzutensilien verwendet und worauf sie ganz besonders stolz war: Das neue Fahrrad hatte Scheibenbremsen. Diese braucht man ja unbedingt, auf einem ebenen Campingplatz! Sie erzählte uns auch, dass sie jedes Jahjr mindestens einmal nach Tromso zum Bierfest fährt und dass ihr diese Stadt sehr gut gefällt. Nachdem wir alles über ihre Lebensumstände erfahren hatten und wir nur 100 Kronen für unsere beiden Zelte zahlen mußten und wir sie für die Sauberkeit gelobt hatten, fuhren wir los. Nach ca. 2.5 Kilometer entdeckten wir den richtigen Campingplatz, den wir eigentlich gestern aufsuchen wollten. Auf der gegenüber lioegenden Straßenseite war ein kleines Kaffeehaus mit Restaurantbetrieb. Ich hatte großen Gusto auf einen wirklich guten Kaffee. Die Burschen hatten nichts dagegen. Eine kleine Rast nach so weiter Strecke tut ja jeden gut! Kaffee ist es keiner geworden, sondern der größte Burger für Martin, Cevapcici für mich (große Portion) und Lasagne für Peter sowie 1 ½ Liter Cola, 1Liter Wasser und ein halber Liter Kräuterlimonade. Wir hatten ja die Vorstellung, dass wir die nächsten 60 Kilometer bis nach Mo i Rama nicht treten brauchen, da es laut Karte nur bergab gehen würde! Ein halber Faulenztag sozusagen. Wie so oft schaut die Realität ganz anders aus. Hügel rauf, Hügel runter. Neben uns floß ein rauschender Bach, der zusehends zu einem richtigen Fluß wurde. Er formte ein schönes Flußbett. Von oben war es recht hübsch anzusehen. Scheinbar waren die Straßenbauer der E6 der Meinung, dass man Hügel nicht umfahren sondern auf sie fahren sollte. Das ist sehr anstrengend, wenn man sich eigentlich auf etwas ganz anderes vorbereitet hatte und man sah, dass die Eisenbahnbauer dem Prinzip der ebenen Fläche folgten. Nach 61 Kilometer waren wir geschafft. So mühsam hatten wir uns diesen Tag nicht vorgestellt. In Mo i Rama gingen wir einmal auf einen Kaffee und blieben eine Stunde sitzen, um meinen GPS-Empfänger und meine Kamera aufzuladen. Von Mo i Rama gibt es kein Bild, da diese Stadt so häßlich ist, dass auch eine digitale Aufnahme reine Verschwendung ist (Zumindest jener Teil, den wir von der E6 zu bewundern hatten). Wir beschlossen, noch 36 Kilometer zu fahren und auf einem Campingplatz bei Finneidfjord zu übernachten. Somit sind es 97 Kilometer an diesem Tag geworden. Wir freuten uns auf Spiralnudeln mit Käse und Schinken und einer Tomatensuppe als Vorspeise. Die Burschen hatten schon großen Hunger und sie schlugen mir folgende Arbeitsteilung vor. Sie würden die beiden Zelte aufbauen und ich sollte ihnen das Menü kochen. Ich schleppte die Essensvorräte und Töpfe in die Küche und schaltete den Herd ein. Er hatte vier Platten und somit konnte ich alles zu selben Zeit beginnen. Drei Nudeltöpfe und einen großen Suppentopf. Der Herd kochte mir die halbe Suppe, dann flog die Sicherung. Er war nicht mehr dazuzubewegen, Hitze abzugeben. So gab es eine große Premiere: Der Benzinkocher von Martin wurde in Betrieb genommen! Dreiviertel der Suppenkochzeit war bereits um als wir bemerkten, dass der Tisch, der leider aus Holz war, Feuer fing. Das war ein typischer Anfängerfehler, der uns nicht mehr passieren wird. Schnell löschten wir die Flamme und stellten den Kocher auf den Boden und begannen noch einmal von vorne. Nach einer weiteren Viertelstunde hatten wir es endlich geschafft. Zumindest die Suppe konnten wir nun löffeln. Sie schmeckte uns. Währenddessen kochten bereits die erste Portion Nudeln. Nach weiteren zwanzig Minuten stand der erste Teil des Hauptgerichts am Tisch. Den zweiten Teil des Hauptger ichts verschlief Peter bereits. Er hatte sich zu einem kleinen Verdauungspäuschen ins Zelt begeben. So aßen Martin und ich um 2 Uhr in der Früh unsere Portionen auf.
Sonntag, 2. August
Sanftes Kuhglockengebimmel und ein wirklich schönes Wetter weckten mich. Peter und Martin schliefen noch ein bisschen. Ich holte mir in der Zwischenzeit von der naheliegenden Tankstelle einen guten Frühstückskaffee und begann den Tagesbericht auf einem Bankerl neben der Tankstelle zu schreiben. Wie ich zurück kam saßen die beiden bereits beim Frühstück. Ich hatte heute überhaupt keinen Gusto auf Salami, Käse oder Nugatti (die norwegische Form des Nutellas), ich verdrückte eine dreiviertel Packung Kekse. Die Hitze machte uns zu schaffen. Wir lungerten für eine Stunde am Campingplatz einfach im Schatten herum bis wir die Zelte abbauten. Um 14 Uhr starteten wir unsere Tour des Tages. Wir hatten zwei Alternativen entweder einen 400 Meterpass und schöner Aussicht mit Bergseen oder einen 8,6 km Tunnel und die E6 mit hervorragender Infrastruktur. Bereits den Abend zuvor hatten wir lange hin und her überlegt, aber das aktuelle Wetter (Hitze)machte die Entscheidung relativ einfach: Wir nahmen den kühlen Tunnel. Für diese 8,6 km benötigten wir etwas mehr als eine halbe Stunde. Wir fuhren sehr langsam und aufmerksam, gut beleuchtet und immer am Rand. Der Verkehr hielt sich in Grenzen. Wir bemerkten ein sehr interessantes Phänomen. Die Autofahrer kamen immer in Dreier- bis Vierergruppen, dann war wieder Ruhe im Tunnel. An den Feuerlöscherschildern konnten wir auch ablesen, wieweit wir bereits im Tunnel gefahren waren und wie weit es noch bis zum Ende des Tunnels war. Somit hatten wir eine sehr gute Kontrolle. Der Tunnel war wirklich schön kühl und eigentlich wollten wir ihn schon nicht mehr verlassen, aber die Aussicht, die uns nach dem Tunnel geboten wurde, ließ uns diesen gedanken schnell vergessen. Wir befanden uns nun in einem sehr alpinen Gebiet (Obwohl die Berge nicht höher als 1.000 Meter waren). Schroffe Felsen, scneebedeckte Bergspitzen, Nadelwälder, Almswiesen. Bei einer Rast pflückten wir uns Heidelbeeren, bei einer anderen Himberen. Zu den wildwachseneden Ribisel sind wir aufgrund der vielen Brennessel nicht vorgestoßen. An einem sehr schönen See machten wir auch rast und ich sprang ins Wasser. Es war viel wärmer als gedacht! In Mosjoen machten wir Mittagspause bei einer Esso-Tankstelle. 90 Prozent der Besucher kamen hierher nicht wegen des günstigen Benzins, sondern wegen der riesigen Burger, die frisch zubereitet wurden. Martin konnte seinen gestrigen Rekord von 260g auf 330 Gramm steigern! Peter und ich gaben uns mit der 250er Version zufrieden. Die Auswirkungen waren nach der dreiviertelstündigen Rast sofort evident. Martin legte ein gemütliches, verdauungsförderndes Tempo von 16 km/h vor, wo er sonst mit 23 bis 29 km/h gerast wäre. Dieser Abschnitt der E6 bot alles, was eine Fahrt rund um den Schneeberg aucvh bot. Wunderbare Landschaften, wenig Verkehr, unberührte Natur. An diesem Abend mieteten wir uns eine Hütte direkt am Fluss. Nach einem Süppchen und 93,5 Tageskilometern bezogen wir unsere Stockbetten und träumten noch lange von diesem wunderschönen, entspannenden Tag.

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