In Steinkjer 32 Kilometer nach unserem Start beschlossen wir bei einer Pizza, dass wir nicht weiter fahren, sondern uns in einem guten Hotel bis morgen erholen. Wir merkten nun die Strapazen der letzten vier Wochen. Ich hatte Kopfschmerzen und Schwindel. Martin schaute auch sehr fertig aus. Peter war der einzige, der noch einen relativ frischen Eindruck machte, auch wenn er ein bisschen wortkarg war.
Wir mieteten uns im Grand Hotel ein und verbrachten den Abend bei Soletti und Chips im Zimmer.Unter Extremradlern gibt es zwei Paradigmen. Das eine Paradigma besagt, dass man seine Komfortzone verlassen muß um wirklich Großartiges zu leisten. Zwei Vertreter dieser Ansicht sind Hubert Schwarz, der in 80 Tagen um die Welt geradelt ist und Robic, 5-maliger Race-Across America Gewinner. Letzterer schläft während dieser 4.800 Kilometer sehr wenig, was zur Folge hat, dass er ab dem zweiten Tag des Wettbewerbs an Halluzinationen leidet. Er glaubt von Außerirdischen verfolgt zu werden und sein Team muss ihm immer davon überzeugen, dass sie keine Außerirdischen sind. Das zweite Paradigma wird durch Nehls, einen Mediziner und 7ter des vorletzten Race-Across Americas, postuliert. Er meint, dass Pausen sehr wichtig sind zur Regeneration und man es nicht schafft eine ständige Höchstleistung zu erbringen ohne ausreichend Schlaf und Komfort. Aus physiologischer Sicht ist die zweite Ansicht die plausiblere. Muskeln, die ständig unter Anspannung stehen brauchen auch Ruhephasen. Auch spricht die Theorie des Biorhythmus eher für eine ausreichende Pausengestaltung. Ich habe bereits am ersten Tag unserer Tour die 10 Kilometerpause eingeführt. Da wir derzeit sehr gut trainiert sind, kommt nun eher die 15 Kilometerpause zu tragen, d.h. alle 45-50 Minuten eine 5 minütige Pause. Dies hat wirklich einen guten Effekt auf unsere Leistung.
Nun war natürlich auch an diesem Tag die Überlegung, ob dieser freie Abend nicht sogar zu einer Leistungssteigerung am nächsten Tag führen wird.
Donnerstag, 6. August
Das Frühstück im Grand Hotel war wirklich vorzüglich. Frische Eierspeis, Ham and Eggs, Melonen, Käse, und vieles mehr! Das gab uns Kraft für den heutigen Tag. Wir wollten soweit wie möglich heute radeln. Als Optimum blieb natürlich Trondheim im Hinterkopf. Doch wir wollten nichts erzwingen. Um 11 Uhr startete die Mission „So weit es halt geht“.
Es war schon in der Früh sehr warm und der Schweiß tropfte uns von der Stirn, die Unter- und Oberschenkel glitzerten, der Lenker war naß und der Mund fast ständig trocken. Wir tranken sehr viel Wasser und isotonische Getränke. Jede 15 Kilometer gab es eine mindestens 10 minütige Rast im Schatten oder im klimatisierten Verkaufsraum einer Tankstelle. Seit Steinkjer gab es einen fast durchgehend beschilderten Radweg, der uns davon abhielt die stark befahrene E6 zu benutzen. Für uns war dies eine große Erleichterung. Wir mussten auf keinen Verkehr Rücksicht nehmen, konnten manchmal sogar nebeneinander fahren und uns über alles mögliche unterhalten. Der Radweg war wirklich schön angelegt.
Wir fuhren neben Kornfeldern, Seen, Himbeersträuchern. Der Ausblick war schön entspannend und so verging der Nachmittag wie im Flug. Um 18 Uhr waren wir schon nur mehr 40 Kilometer von Trondheim entfernt! Wir fühlten uns fit, diese Strecke auch wirklich zu schaffen. Um 19 Uhr rief Martin in der Jugendherberge in Trondheim an und reservierte ein Zimmer für uns. Wir waren sehr erleichtert als wir erfuhren, dass die Rezeption sogar bis 24 Uhr geöffnet hat.Die Streckenführung änderte sich auf den letzten 40 Kilometern stark.
Wir mussten ab jetzt Hügel erklimmen, die halbe Berge waren, der Schatten der Bäume entlang der Strecke reichte nicht, um uns zu kühlen. Durch einen ganz berühmten Ort kamen wir, der vor allem für Briten eine besondere Bedeutung hat. Hell bedeutet auf Englisch Hölle und ein englisches Sprichwort lautet „Fahr zur Hölle“. Deshalb besuchen sehr viele Briten diesen kleinen Ort, lassen sich dort fotografieren und falls ihnen jemand wieder diesen Satz entgegenschleudert, können sie sagen: „Ich war schon dort und so schlimm ist es dort gar nicht!“.
Auch
Martin und ich ließen uns vor dem Ortsschild ablichten. Peter war leider für diesen Witz nicht zu haben. Vielleicht ist er zu katholisch erzogen worden im Theresianum.Wir schwitzten unsere Leiberln und Hosen bis auf den letzten Quadratmillimeter nass. Aber eigentlich war uns das egal. Denn wir hatten nur ein Ziel: Trondheim. Genauer: Jugendherberge. Dort gab es ein Gerät, das wir bereits seit Tagen ersehnen, nämlich eine Waschmaschine. Wir drei Männer sind nämlich ordentliche Radfahrer. Wir möchten nicht 4 Tage in der gleichen Unterhose radeln und nicht 5 Tage das gleiche verschwitzte T-Shirt tragen. 3 Tage sind genug!
In Trondheim angekommen, fuhren wir zuerst zum Bahnhof, denn dort gab es eine schöne Informationstafel. Peter brauchte nur 5 Minuten, um sich den Weg zur Jugendherberge einzuprägen und schon ging es im schnellen Tempo dorthin. Das Zimmer, das Martin reserviert hatte, war leider schon belegt, aber es gab Ersatz. Ich erkundigte mich wegen der Waschmaschine und kaum 20 Minuten später war diese bereits aktiviert! Wäschewaschen war bisher immer eine Abend und Nachtangelegenheit, denn dann ist die Waschküche mit Sicherheit frei. Leider haben die roten T-Shirts auf meine schönen weißen Ikea-Socken abgefärbt. Jetzt muss ich halt mit Schweinchen-Socken weiterfahren. So ist nun mal das Leben!

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