Aus gutem Grund hatten wir uns am Abend zuvor zwei Wecker gestellt. Nach 157 Kilometern am Rad mit absolvierten 900 Höhenmetern hat man einen ausgezeichneten Tiefschlaf, der sehr lange dauern kann. Die norwegischen Hotels haben keine wirklich Radlerfreundlichen Frühstückszeiten (6 Uhr bis 10 Uhr). Wir begaben uns um 9.45 Uhr zum Frühstück, räumten das Buffet leer, tranken den gesamten Orangensaft, aßen alle Joghurts und legten uns bis 12 Uhr wieder hin. Ein bißchen sah man es uns an, dass der letzte Tag für uns anstrengend gewesen war. Der neue Elan wollte sich nicht einstellen.
Wir blieben bis 14.30 Uhr an der Bar hängen, schlürften ein kaltes Cola gingen Obst und Getränke kaufen. Peter ließ seine Gangschaltung von einem wirklichen Profi nachjustieren und ich kaufte mir ein Stirnband, da die Innenseite meines Helms sich aufzulösen begann. Martin saß in einer Seitenstraße und beobachtete die Passanten.Die ersten zehn Kilometer waren die schwersten. Wir kamen nicht in die Gänge.
Eine Werbung am Straßenrand forderte uns ebenfalls auf, uns auszuruhen. Leider hatten wir keine Frauen bzw. Freundinnen dabei, an die wir uns so schön rankuscheln konnten! So mußten wir weiter in unsere Pedale treten. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Dicke, schwarze Regenwolken hingen über uns. Es war zeitweise so dunkel wie um 23 Uhr. Doch wir hatten wieder einmal Glück: Der Regen fing erst an, wie wir ein Hotdog schmausten. Nun kann man sich natürlich fragen, ob wir nicht schon langsam an Mangelernährung leiden würden, da wir so viel Fleisch und vor allem soviel Fastfood zu uns genommen hatten. Unter angehenden Ernährungswissenschaftlern gibt es hierfür ein sehr aufschlußreiches Quiz. „Stellen Sie sich vor, Sie überleben einen Flugzeugabsturz, sie schwimmen zu einer einsamen Insel und sitzen hungrig am Strand. Da tauchen vor ihnen drei Kisten im Meer auf. Weil die Strömung so stark ist und Sie selbst schon so schwach, können Sie nur eine Kiste an Land retten. Für welche Kiste entscheiden Sie sich: Die erste Kiste beinhaltet Avocados, die zweite Mangos und die dritte Hotdogs?“ – Die meisten würden eine der beiden ersten Kisten wählen, doch das ist falsch! Hotdogs beinhalten alle Vitamine und Nährstoffe, die Sie zum überleben benötigen. Sie können sogar ein ganzes Jahr nur Hotdogs essen und davon keine Mangelerscheinung haben! Manche afrikanische Naturvölker ernähren sich nur von Fleisch! Eine interessante, halbwissenschaftliche Untersuchung eines amerikanischen Zahnarztes ergab, dass vor allem jene Bevölkerungsgruppen zahnärztliche Hilfe benötigen, die sich nicht landestypisch ernähren!Kaum war der Regenschauer vorbei, ging es weiter. Die Lands
chaft hatte sich in den letzten paar Tagen kaum verändert. Wir folgten weiter dem Flußverlauf. Sehr viel Landwirtschaft wurde hier betrieben. Die Bauern hatten z.T. schon das Heu eingeholt und zusammengerollt. Bei manchen Bauernhöfen stank es gewaltig nach Schweinemist, bei anderen lungerten Kühe auf der Weide und schauten uns faul an. Schafe überquerten die Straße. Diesmal suchten wir uns einen Campingplatz mit Hütten in Tangen aus. Die 75 Tageskilometer reichten uns. Wi
r erhielten eine sehr schöne Hütte mit Blick auf den See zu einem günstigen Preis. Der Vermieter war ein sehr ordentlicher Mann. Er wie
s mich daraufhin, dass wir die Hütte in einem ordentlichen Zustand wieder verlassen und aufwaschen müssen. Leider konnte ich nicht herausfinden, wieviele deutsche Camper sich hier niedergelassen haben. Wir empfehlen unseren deutschen Nachbarn diesen Campingplatz wärmstens!
Von der Statur und dem Gehabe erinnerte mich der Vermieter an den Besitzer des Kaffeehauses Rebecca. Ich hätte ihn fragen sollen, ob er einen Bruder oberhalb des Polarkreises hat!Mittwoch, 12. August
100 Kilometer waren es noch bis Oslo. Es stand uns also eine kleine Tagestour bevor. Nichts aufregendes, keine hohen Berge, Pässe, Schneefelder, Rentierherden. Trotzdem waren wir alle ein bisserl wortkarg beim Frühstück. Letzter gemeinsamer Tag am Rad, letzte Aufenthalte an Tankstellen, letztes Stürmen eines Coop-Supermarktes in der Wildnis, um Obst und Getränke zu kaufen. Um 12 Uhr ging es dann los. Wir rollten einmal einen Hügel hinauf. Schließlich hatten wir soviel Kraft gesammelt, dass eine ein Kilometer Steigung von 6 Prozent uns als Ebene erschien.
Dort befand sich ein kleiner Interspar. Ich hatte irrsinnigen Gusto auf ein Battery und Martin auch. Martin hatte die Idee, dass er zuwenig Luft im Hinterrad hätte und fing an, dieses aufzupumpen. Leider zerstörte er sich dabei sein Ventil und wir mussten wiedereinmal in bewährter Teamarbeit seinen Reifen wechseln. Nach 2.800 Kilometern und niemals geputzt wird man halt ein bisserl dreckig beim Reifen montieren. Peter sah aus wie ein richtiger Mechaniker nach 12 Stunden Arbeit, Martin ebenso. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, das Rad als gesamtes hochzuhalten und wurde daher nicht schmutzig. Peter hatte doch tatsächlich die Absicht, so wie er aussah weiter zufahren. Aufgrund meiner gewissenhaften Aufsichtspflicht, wies ich ihn aber an, sich die Hände waschen zu gehen. Im Interspar gab es aber keine Toilette, so wurde er zur Kirche auf dem Hügel geschickt. Fünf Minuten später hatte auch Martin das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, nur leider fand er den Weg zur Kirche nicht, die zwar vor ihm auf dem Hügel lag, aber da es zwei Wege gab, einen direkten und einen mit einer weiteren, umständlicheren Anfahrt, war es für ihn unmöglich den Zielort zu erreichen. Peter schwärmte nachher von der gut duftenden Seife und dem warmen Wasser. Er war blitzblank sauber. Martin wusch sich mit ein bisschen Wasser aus der Wasserflasche und war halbwegs sauber. Martin hatte nun den Rekord in kaputten Reifen aufgestellt: Zwei hinten, einen Vorne!
Dann ging es weiter. Wir fuhren entlang des Sees auf dem Fahrradweg. Es war wirklich herrlich ruhig. Neben uns brauste hie und da ein Zug vorbei. Manchmal kreuzten sich die Wege mit der E6, dann ging es wieder hügelig dahin über andere Landstraßen. Oslo kam immer näher, 89 Kilometer, 75 Kilometer, 40 Kilometer. Ein letztes Hotdog, ein letztes kaltes Cola in einem Vorort. Da wir uns noch auf 170 Metern Seehöhe befanden, dachten wir, dass uns jetzt 30 Kilometer vor Oslo eine gemütliche Abfahrt, ein entspannendes Hineinrollen in die Stadt bevorstand. Doch zwei Hügel galt es noch zu überwinden, für jemanden, der bereits 88 Kilometer an diesem Tag geradelt war und sich auf eine große Pizza freute, weil man fast noch nichts gegessen hatte, waren es halbe Berge. Zweimal mußten wir nach dem Fahrradweg suchen. Die Streckenführung war nun etwas konfus. Am zweiten Hügel stand dann bei der Abfahrt endlich das Ortsschild von Oslo. Wir bremsten scharf ab, stellten unsere Räder daneben.
Martin baute sein Stativ auf und schon machten wir mit meiner Kamera mehrere Fotos von uns. Wir waren stolz auf uns, denn wir hatten einen Tag früher Oslo erreicht als geplant!
Ich machte noch schnell ein Foto von meinem GPS-Gerät, Peter von meinem verschwitzten Rücken.
Die Abfahrt ins Zentrum dauerte etwas. Wir wurden öfters von Wagemutigen älteren männlichen Mountainbikern überholt. Sie riefen uns zu, dass wir uns rechts halten sollen. An die zivilisatorischen Spielregeln dieser Stadt mussten wir uns erst gewöhnen, schließlich hatten wir die letzten drei Tage Landstraßen und Forststraßen fast für uns allein. Da waren wir die Kings of the Road gewesen, jetzt langsame, behäbige Reiseradler. Wobei, es stimmt nicht ganz. Einmal überholte uns ein Pärchen auf den Mountainbikes, während wir nach einem geeigneten Hotdog-Verkäufer suchten. Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen und nahmen Fahrt auf. Wenn mir nicht nach drei Kilometer Verfolgung mein Schmutzwäschesack vom Rad gekippt wäre, hätten wir uns wieder zurückgerundet.Um Geld zu sparen, wollten wir in Oslo in der Jugendherberge zwei Nächte bleiben, aber es gab keinen Platz! Nun mußten wir auf Herbergssuche gehen. Im Zentrum fragten wir zwei junge Männer, wo sich Hotels befänden, denn seit der Jugendherberge hatten wir kein einziges gesehen! Die beiden sagten, dass gleich um die Ecke ein gutes, aber teures wäre und zwei Straßen weiter ein Budget Hotel. Wir fuhren am ersten vorbei. Crown Plaza hätte sämtlichen Kreditkartenrahmen gesprengt und gleich zum Budget Hotel. Dieses Mal hatten wir wirklich Glück, denn das letzte Zimmer für die nächsten zwei Nächte wurde an uns vergeben. Es war ein sehr einfaches, kleines Zimmer mit zwei Stockbetten, einer Dusche und WC. Ein Flachbildfernseher mit den relevantesten Sendern war ebenfalls vorhanden – Zum Preis von einer Hütte und billiger als die Jugendherberge! Wir fühlten uns pudelwohl. Mit soviel Luxus hatten wir nicht gerechnet! Martin und Peter machten sich stadtfertig, ich blieb in meiner kurzen Radlerhose.
Dies war auch eine kleine Referenz an die Schotten, die zu tausenden mit ihren Schottenröcken die Stadt bevölkerten. Heute war nämlich auch das Match Norwegen gegen Schottland, das 4:0 für Norwegen ausging. Dementsprechend gedrückt saßen die Schotten bei einem Bier in der Innenstadt herum. Wir gingen zu Peppe’s Pizza und schlugen uns die Bäuche voll. Peter und ich bestellten uns eine große Pizza, Martin eine mittlere Pizza. Die Kellnerin wollte uns auf unseren „Irrtum“ hinweisen, denn eine große Pizza reicht normalerweise für drei Personen, eine mittlere für zwei. Aber wir wußten, was uns erwartete und versicherten ihr, dass die Bestellung schon richtig sei. Natürlich verputzten wir die Pizzen in Rekordgeschwindigkeit. Kein Krümelchen befand sich auf unseren Tellern. Wir wollten danach noch ein Dessert, aber die Küche hatte schon geschlossen. So trotteten wir ohne süßen Nachschlag zurück ins Hotel und schliefen sehr schnell ein.

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